














28.02.2020, Waldhausener Straße 62
Projektleitung: Manuel Brockers
Beteiligte Person/en (mit Rollen): Farhad, Annie, Laura, Manu
Kooperationspartner: Jonas als Musiker
Ein potentiell unbegrenzter Geist trifft auf eine begrenzte Welt mit begrenzten Ressourcen. Inspiriert von dem esoterischen Gedanken, dass unser Körper sowohl das Gefäß als auch den Erfüllungsgehilfen für unseren Geist darstellt, machten wir uns viele Gedanken zu der Begrifflichkeit des „Gefäßes“ und was für mögliche emotionale und kreative Prozesse eigentlich dahinterstecken können, wenn wir ein Objekt zum Leben erwecken und wir eigentlich leblose Materie mit Dingen „füllen“, die unserem Inneren entspringen. Unserem „Ich“. Erinnerungen treffen auf Papier. Emotionen treffen auf Musikinstrumente. Visionen begegnen Stoff und Schere. Die Schönheit des Umstandes, dass die Gedanken frei sind und in unseren Köpfen alles unbegrenzt ist, darf aber nicht darüber hinwegtäuschen, dass unser Planet erschöpflich ist. Nach vielen eigenen Kunstprojekten erwuchs in uns auch die Erkenntnis, dass der Gedanke der Nachhaltigkeit auch im Selbstausdruck eine gewichtige Komponente sein kann und sollte. Während sich die Gefäß-Performance sehr abstrakt und ergebnisoffen mit dem künstlerischen Prozess befasst, zeigt die anschließende Lesung „In search of Alice“ ein konkretes Beispiel auf, wie eine mit geringem Ressourcenaufwand dafür aber spannende und kurzweilige Darbietung mit Elementen aus diversen künstlerischen Medien aussehen kann, und rundet so das Double Feature ab, indem die Zuschauer auch eine unmittelbare Möglichkeit erhalten, ihre Gedanken aus der Performance an einem Praxisfall zu reflektieren. Der eine Teil des Veranstaltungsabends findet zum anderen. Bezogen auf die Performance wurden im Team erfolgreich die Freiräume für die Ausgestaltung von Requisite und Bühnenbild genutzt. Der Gedanke, in die Lesung kleine Dialoge einzubringen und somit für mehr Lebendigkeit vor dem Publikum zu sorgen, wurde schnell konkret.
Für die Aufführung wurden die Möglichkeiten der Waldhausener Straße 62 genutzt. Der Zuschauerbereich vor der Bühne wurde so bestuhlt, dass die Performenden auch noch einen großen Bereich vor der Bühne zusätzlich nutzen konnten. Zu Beginn bestand das Bühnenbild lediglich aus einemTisch mit vielen leeren, durchsichtigen Gefäßen darunter. Mit roter und blauer Farbe in großen Behältern „bewaffnet“ betritt der erste Künstler die Bühne und füllt die verschiedenen leeren Behälter nach und nach mit den Farben. Begleitet wird das ganze durch ein wiederkehrendes musikalisches Thema. Dieser erste Auftritt spiegelt das Gefäß als reines Objekt da, mit dem wir interagieren können. Nach dem Abgang des ersten Performenden betritt ein zweiter die Bühne. Er enthüllt ein großes mit Nägeln gespicktes Skelett, welches auf einer Holzschablone aufgemalt ist, und spannt mit der Wolle, die er mit auf die Bühne bringt, ein Netz aus roten und blauen Fäden in diese Nagelschablone. In dieser zweiten Stufe offenbart sich das Gefäß im Sinne der Medizin, also weniger leblos sondern als Teil eines lebenden Organismus. Auch der zweite Künstler verlässt die Bühne und eine dritte Performende betritt die Bühne. Sie trägt bei sich einen blau-rot angemalten, großen Karton, auf dem ein Abbild des Schädels von der Skelettschablone aus Teil 2 angebracht wird. Nach und nach, stattet sich die Künstlerin mit Gegenständen des kreativen Arbeitens, Erinnerungsstücken und emotional behafteten Gegenständen aus, interagiert mit ihnen und füllt sie letztlich in die Box mit dem Schädel. Das „Gefäß“ für den Geist, die vielleicht lebendigste Form eines Gefäßes, ist geboren. In ihm wachsen der Berg aus Kreativität, Erinnerungen und Emotionen stetig an. Ist die Box gefüllt, kommen die vorherigen Performenden wieder mit auf die Bühne. Musikalisch ist für den Rest der Zeit eine Mixtur aus Ambient-Klängen und einer Collage von Sprachaufzeichnungen zu hören. Eine zuvor unter Decke aufgerollt hängende riesige Weltkarte wird entrollt und auf dem Boden im Bereich vor der Bühne ausgebracht. Eine kurze Zeit wirken die drei Künstler durch Untätigkeit auf das Publikum. Sie besetzen, erkunden, streicheln die Welt. Dann beginnt der Prozess, in welchem die Welt zum Gefäß für die Kreativität der Darsteller wird. Mit allem was sie zur Verfügung haben, malen, bauen und gestalten sie auf der Karte. Farbe, Wollfäden, Spielzeuge, Musikinstrumente… Alles wird zuerst geordnet und konstruktiv verwendet. Dann steigert sich das Treiben aber immer weiter ins Hektische und Destruktive, bis nachher sowohl das Kreativ-Material als auch „die Welt“ an sich zu Schaden kommen. Als Abschluss prosten die Performenden sich zufrieden zu mit Farbbehältern, in denen Stücke der Welt schwimmen, und verlassen nach und nach die Bühne.
13 Gäste verfolgten das Double Feature und nahmen das Gezeigte vor allem aufgrund der vielen Abwechslung, die dargeboten wurde, sehr gut an. Das medienübergreifende Arbeiten stellte sich somit erneut als Erfolg heraus und wurde gelobt. Im Austausch mit dem Publikum nach der Veranstaltung, stellte sich heraus, dass die Botschaft und der eigentliche Kerngedanke der Gefäß-Performance nicht in allen Einzelheiten durchdringen konnten. Ein Hauptaugenmerk mehrerer Zuschauer zum Beispiel auf dem dritten Abschnitt der Gefäß-Performance, so dass viele das Gesehene auf den Themenbereich der Erinnerungen reduzierte. Aber auch wenn der abstrakte Gedanke des „Gefäßes für den Geist“ nicht für alle Zuschauer erschließbar scheint, gab es trotzdem auch rege Unterhaltungen über Nachhaltigkeit in der Kunst und interessante neue Denkanstöße für Darstellungsmöglichkeiten in kommenden Veranstaltungen. Das Feedback für die musikalische Untermalung schwankte zwischen „zu monoton“ und „kurzweilig“. Die eigene Stimme am Ende der Klang-Collage zu hören und somit auch „ein Teil“ des Abends gewesen zu sein, sorgte für viel Faszination und Freude. Die Live-Musik am Ende der Lesung wurde als „echt professionell“ gelobt und habe „für Gänsehaut gesorgt“. Gut gefallen, da es den manchmal etwas trockenen Ablauf einer Lesung auflockert, konnte die leichte Durchmischung von mit Schauspiel und Dialog. Alles in allem wurde der Abend trotz geringer Interaktionsmöglichkeiten für das Publikum gut angenommen. Zumal der gemeinsame musikalische Ausklang dann auch noch für alle eine (weitere) Möglichkeit bot, sich einzubringen.