SCHREI AUF e.V.

Macht oder Ohnmacht

Datum,Ort: Mönchengladbach, 05.05.2017

Projektleitung: Laura Heyer

Im Rahmen des einjährigen Theaterprojekts „SCHREI AUF“ sollte ein Performance-Konzept entwickelt werden, das dem Ensemble insofern als Übung dient, dass sie lernen, ihre individuellen Grenzen besser wahrnehmen zu können und sie gegebenenfalls zu überschreiten. Das Ensemble  beschäftigte sich während der Arbeit an einem Theaterstück mit psychologischen Krisen darunter Depressionen, Essstörungen, Sucht und Suizidalität und damit, welche Rolle die Gesellschaft dabei spielt. Es wurde untersucht, inwiefern gewisse psychologische Problemstellungen ein Massenphänomen darstellen, das nicht mehr nur auf persönliche oder familiäre Ursachen zurück zu führen ist, sondern auch auf soziologische.

So lag der Gedanke nahe, sich innerhalb einer Performance der Gesellschaft auszuliefern, nichts weiter zu tun als bewegungslos da zu stehen mit starrem Blick, der Tatsache ausgesetzt, nicht sprechen zu können d.h. sich nicht nur nicht körperlich wehren zu dürfen, falls es zu Auseinandersetzungen und Übergriffen kommt, sondern auch verbal. Wie würden Menschen mit der Situation umgehen? Würden sie die Verletzlichkeit der PerformerInnen ausnutzen? Wie würden sie überhaupt reagieren? Was passiert, wenn „Nichts“ passiert? Was geschieht, wenn man Vorgänge im Schatten der Gesellschaft für eine begrenzte Zeit beleuchtet?

Aus diesen Fragestellungen ergab sich das Thema „ Macht oder Ohnmacht“. Das Ensemble würde sich in regelmäßigen Abständen verteilt an einem öffentlichen und einem belebten Ort den Aktionen und Reaktionen der Passanten aussetzen. Die Performer*Innen sollten dabei schwarze Straßenkleidung tragen und ihren Mund mit schwarzem Klebeband zukleben auf dem mit weißem Stift „SCHREI AUF“ geschrieben stehen sollte. In einem Zeitraum von 45 Minuten würden sie lediglich stehen und in die Ferne blicken, quasi durch die Menschen hindurch. Zwei PerformerInnen würden außerdem ein Schild halten, auf dem die Worte „Macht oder Ohnmacht“ abgebildet sind. Um Passanten die Möglichkeit zu geben, sich der Gruppe anzuschließen, würde eine weitere Person mit Klebeband zur Verfügung stehen, die Interessenten den Mund zuklebt. Mit dieser Performance sollten Erfahrungen und Antworten entstehen hinsichtlich der Frage: Wann ist wer mächtig und wann ist wer ohnmächtig? Um einen größeren und vielschichtigeren Erfahrungswert herzustellen, sollte die Performance einmal tagsüber am Mönchengladbacher Hauptbahnhof und einmal nachts am Wochenende in der Mönchengladbacher Altstadt stattfinden. Zu dieser Zeit haben Clubs und Kneipen geöffnet, Menschen konsumieren Alkohol, sind in Partystimmung. Die Performance sollte mit einem gemeinsamen Schrei der Akteure enden.

Performance Teil 1/ Hauptbahnhof Mönchengladbach:

Die Gruppe versammelte sich am 05.05.2017 um 16.30 Uhr in der Nähe vom Hauptbahnhof. Von dort aus liefen sie gezielt und fokussiert mit verklebtem Mund Richtung Bahnhof und stellten sich auf dem Vorplatz, dem Europaplatz, auf. Dadurch, dass die Performance im Vorhinein online angekündigt wurde, waren bereits schon einige Zuschauer und Interessierte anwesend. Nach einer gewissen Zeit, stießen immer mehr Menschen hinzu und schlossen sich der Gruppe an. Die Reaktionen der Passanten waren bewusst passiv, sie liefen an den PerformerInnen vorbei und versuchten dabei einen großen Abstand herzustellen. Viele Menschen waren verwundert und konnten das Geschehen nicht einordnen. Eine Gruppe von Menschen, die sich bereits schon vorher am Bahnhof niedergelassen hatten, kommentierten das Geschehen und zogen es nach einer Weile ins Lächerliche. Nach 45 Minuten lösten die PerformerInnen das Klebeband von ihren Mündern und schrien auf ein Zeichen hin auf. Die Menschen, die sich der Gruppe angeschlossen hatten, folgten mit einer kurzen Verzögerung. Danach lief die Gruppe schweigend wieder zurück zu dem Ort, an dem sie sich vor der Performance versammelt hatten.

Performance Teil 2/ Waldhausener Straße/ Mönchengladbacher Altstadt:

Der zweite Teil der Performance fand an einem Samstagabend um Mitternacht auf der Waldhausener Straße statt. Erneut trafen sich die PerformerInnen vor der Performance ein wenig entfernt vom Zielort, liefen dann fokussiert los und versammelten sich in regelmäßigen Abständen voneinander entfernt auf der Straße. Die Straße war bereits belebt. Viele bereits angetrunkene Menschen waren auf dem Weg in einen Club oder eine Kneipe oder verweilten draußen auf der Straße. Wie bereits angenommen, fielen die Reaktionen der Passanten um Einiges intensiver aus als bei der Performance am Bahnhof. Die Performance zog sofort die Aufmerksamkeit auf sich. So fingen Menschen an, die PerformerInnen zu fragen, was sie dort tun würden. Daraufhin folgte natürlich keine Reaktion der PerformerInnen, was einerseits zu Verwirrung und andererseits zu mehr Vehemenz der Passanten führte. Einige verhielten sich ängstlich, brachten erneut den größtmöglichen Abstand zwischen sich und die PerformerInnen oder nahmen sogar einen anderen Weg und Andere nutzten die Gelegenheit und kamen den PerformerInnen nahe, berührten sie, machten Selfies mit ihnen oder „scherzten“ auf andere Art und Weise. Bei Manchen führte das Verharren der PerformerInnen zu agressivem Verhalten. Zu nennen ist hier die intensivste Reaktion eines sehr angetrunkenen männlichen Passanten: Er wollte unbedingt verstehen, was der Hintergrund der Aktion und redete so lange auf eine PerformerIn ein und bedrängte sie bis sie weinte und ihr Tränen über das Gesicht liefen. Ihre Reaktion verwirrte den Mann noch mehr, sodass er trotz Zeichen von Reue weiterhin auf sie einredete. Generell lässt sich sagen, dass die Menschen im zweiten Teil mehr dazu neigten, aktiv an der Performance teilzuhaben, sei es verbal oder nonverbal bzw. durch Berührungen. Neben einer eher belustigenden Wirkung, fühlten sich manche von der Performance provoziert, während wieder Andere eher eingeschüchtert wurden. Was alle diese Gruppen gemeinsam hatten, war Verwirrung als erste Reaktion, das Nicht Einordnen können, das nicht in Kontext setzen können.

Die Frage nach Macht oder Ohnmacht kann auf der Basis der Erfahrungen während der Performance zu einem größten Teil nur individuell beantwortet werden d.h. dass der Grad eines Machtgefühls und der Grad eines Ohnmachtsgefühls direkt in Beziehung stehen zu den persönlichen Grenzen.

Dementsprechend begegneten die PerformerInnen nicht nur ihren eigenen Grenzen, sondern auch den Grenzen der Passanten. Die Passanten hingegen waren ihrer eigenen Grenzsetzung völlig ausgeliefert, da bis auf die Tränen einer einzigen Performerin keine Reaktion auf ihr Handeln folgte und sie nicht am Gegenüber ablesen konnten, wie weit sie gehen können oder ob das Gegenüber sogar eine Bedrohung für sie darstellt.

Dennoch schien sich eine gewisse Struktur erkennen zu lassen: Sind die Passanten eingeschüchtert oder verängstigt, so liegt die Macht im Sinne der Wirkung bei den PerformerInnen und die Ohnmacht bei den Passanten. Kommen die Passanten den PerformerInnen nahe, berühren sie sie, reden auf sie ein etc., dann müsste man eigentlich von Macht auf Seiten der Passanten und von Ohnmacht auf Seiten der PerformerInnen sprechen, wäre da nicht die Kommunikationslücke, die dafür sorgt, dass eine Überschreitung der Grenzen der PerformerInnen nicht sichtbar werden kann bis die Grenze so weit überschritten ist, dass die PerformerInnen aus ihrer Aktion aussteigen müssen.

Das, was so eben als Kommunikationslücke bezeichnet wurde, ist eine Lücke, die durch Einschätzung gefüllt werden kann d.h. dass sich Macht so gestaltet, wie die Passanten die PerformerInnen einschätzen d.h. wo sie ihre Grenzen vermuten, aber auch die Einschätzung eines angemessen Verhaltens hinsichtlich Zeit, Ort und sozialer Umgebung. Das wirft die Frage auf, ob man diese „Einschätzung“ auch als Moral bezeichnen könnte und die Frage, ob eine Moral Stetigkeit und Standhaftigkeit beinhaltet und sich nicht aufgrund verschiedener zeitlicher, örtlicher und sozialer Faktoren verändert und anpasst. Es lässt sich jedenfalls sagen, dass jedem Verhalten der Macht und jedem Verhalten der Ohnmacht auf Seiten der Passanten das Gefühl von Verwirrung, Unverständnis und gegebenenfalls sogar Angst zu Grunde liegt. Die eben benannte individuelle Einschätzung, oder wenn man es so nennen kann Moral, entscheidet dann über die Richtung des Verhaltens: Macht oder Ohnmacht?

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